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Bericht Normandie-Cup 1994 in Paris / Argenteuil

 

Ein Turnier in Paris - ein persönlicher Reisebericht

 

fü. Bekanntermassen - hoffentlich - haben die Wohler B-Junioren anfangs September 1994 das europäische Turnier um den Normandie-Cup in Paris gewonnen. Nachfolgend ein etwas spezieller, persönlicher Reisebericht des Trainers Ernst Füglistaler.

 

Wie alles begann ... oder die Faulheit des Trainers!

 

Ihren Lauf begonnen hat die gesamte Geschichte in der Hofmattenhalle im Dezember 1993. Hansi Koch steckte mir ein Couvert zu mit Prospekten über internationale Handballturniere, wie wir sie regelmässig zugeschickt bekommen. Nach einem kurzen Blick darauf wusste ich, dass mich die Angelegenheit nicht interessierte. Was sollte ich mit meiner Rasselbande im Ausland, wenn wir im B-Promotion nach vier Spielen bereits zwei Niederlagen eingesteckt hatten? Weil ich aber zu faul war, das Couvert selber in den Abfallkübel zu werfen und Michi Sigrist gerade in der Nähe stand, gab ich ihm den Umschlag und sagte, dies sei für ihn. Für mich war das Thema somit erledigt, "leider" nicht für die Spieler. Michi Sigrist nahm daraufhin Kontakt auf mit der veranstaltenden Organisation von "Euro-Sportring" und klärte auch das Interesse der Spieler ab. Nun war das Ganze nicht mehr zu stoppen.

 

Die Vorbereitung ... oder langfristige Planung mit vielen Unbekannten!

 

Nach einigen Wochen erhielt ich von den Spielern die Unterlagen über verschiedene Turniere im Ausland mit den Anmeldeformularen. Von der zeitlichen und örtlichen Lage her kam von Anfang an nur das Turnier in Paris anfangs September in Frage. Bei einer ersten ernsthaften Sondierung wurde klar, dass die meisten Spieler bereit waren, für dieses Turnier einerseits Ferientage zu opfern, andererseits einen grossen Teil der Kosten selber zu tragen. Aufgrund meines Vetos konnte die billigste Unterbringung in einer Schule nicht gewählt werden, genützt hat es mir in Sachen "Gut Schlafen" trotzdem wenig. Ende Februar waren die Abklärungen soweit gediehen, dass ich die definitive Anmeldung in die Wege leiten konnte. Auch die Leistung der Mannschaft stimmte mich in dieser Phase ein bisschen versöhnlicher, obwohl noch viele Probleme bestanden. Bis zu den Sommerferien hörte ich vom Euro-Sportring nicht mehr viel, zahlte aber regelmässig die verlangten Raten ein und musste bereits die definitive Teilnehmerzahl angeben. Schliesslich sollte ich mich nur um eine Person verschätzt haben.

 

Die Abreise und der erste Tag in Paris ... oder Warten gehört dazu!

 

Relativ kurz vor der Abreise erhielt ich dann doch noch genauere Unterlagen über die Reise, der Spielplan landete am Tag vor der Abreise im Briefkasten. Nachdem ich für Christoph Stalder (der Überzählige) noch eine Städtereise nach Paris organisiert hatte, waren die Vorbereitungen abgeschlossen. Gepackt war schnell, nach den letzten Trainings am Donnerstag folgte noch eine Stärkung in der Schönau für die kommenden Tage, in weiser Voraussicht, dass wenig Zeit zum Essen bleiben würde. Am Freitag Morgen war bereits um 03.00 Uhr Tagwache, weil der Bus aus Deutschland um vier Uhr auf den Kirchenplatz bestellt war. Um Halb vier machte ich mich mit Sack und Pack auf den Weg, und war nicht einmal der erste! Um Viertel vor vier tauchte der Reisebus aus der Nacht auf; um fünf vor vier war das Team komplett - fünf Minuten vor der abgemachten Zeit! Die Busfahrt führte uns über den Bözberg nach Basel und weiter Richtung Karlsruhe, weil wir in Sinzheim noch eine deutsche Mannschaft aufnehmen mussten. Die Fahrt verlief ruhig, die frühe Morgenstunde drückte auf die Aktivität der Spieler. Einzig die Blasen waren bei einzelnen Spielern (Patrick Jäggi) recht munter, so dass wir alle zwei Stunden einen Halt einlegen mussten. Nach sieben Uhr trafen wir in Sinzheim ein, mussten aber bis acht Uhr warten, bis es weiterging. Erfreulicherweise waren die Deutschen noch jünger als wir (C-Junioren) und hatten noch ein Mädchenteam (C-Juniorinnen) dabei. Damit war für die nächsten langen Stunden für Unterhaltung gesorgt; die Junioren wechselten sich erstaunlich häufig beim Schäkern mit den (sehr) jungen Deutschen ab. Mit der Zeit kristallisierten sich aber einige Favoriten heraus. Sonst war aber die Fahrt Richtung Paris recht eintönig, die Landschaft bot keine grosse Abwechslungen, auch die Raststätten waren stereotyp. So blieb mir wenigstens noch Zeit zum Lernen (ein Student lernt immer, wenn er kann!). Gegen fünfzehn Uhr erreichten wir die ersten Vororte von Paris, noch blieben 1 1/2 Stunden, den Treffpunkt in Paris zu erreichen. Als dann aber der Chauffeur am linken Ufer der Seine herauf fuhr, um später am gleichen Ort wieder am rechten Ufer hinabzufahren, musste ich zum Stadtplan greifen, um den rechten Weg zu weisen. Schliesslich erreichten wir nach einer halben Stunde den abgemachten Treffpunkt, wo auch Christoph zu uns stossen sollte. Die Informationen, die wir dort erhielten, waren relativ chaotisch, doch darauf musste man sich wohl in Paris einstellen. Immerhin erhielt ich noch eine Änderung des Spielplans, die eine längere Spielzeit (2x10 statt 1x15 Minuten) versprach. Zudem stiess Christoph tatsächlich zu uns, der bereits das Hotel begutachtet hatte. Der Transfer zum Hotel verlief problemlos, nur der Auslad vor einem Sexshop beschäftige Sven; er konnte seine Augen kaum mehr vom Schaufenster lösen. Das Hotel übertraf meine Erwartungen, die Zimmer waren recht sauber und verfügten über Dusche und WC. Einzig mein Bett offenbarte einige Schwächen, fehlten doch diverse Verstrebungen. Für ein Feldbett war es aber relativ gut. Auf 18.30 Uhr war ein gemeinsames Abendessen mit unseren Betreuerin Alice vom Euro-Sportring abgemacht. Nach zwanzig-minütigem vergeblichem Warten gingen wir unseres eigenes Weges und verpflegten uns im nächsten Mac. Danach begaben wir uns mit dem ganzen Haufen (Deutsche und Schweizer) zur Seine-Rundfahrt, wo wir als letzte eintrafen (Alice sei dank) und wieder rund dreissig Minuten warten durften. So kehrten wir gegen elf Uhr ins Hotel zurück und waren nach dem ersten Tag bereits ziemlich geschafft und müde. Jedenfalls war bald einmal Ruhe im Hotel (wenigstens auf meinem Stock!). Andere Spieler verrieten am Samstag deutliche Anzeichen von Schlafmangel (gell Christoph M.).

 

Samstag ... oder die ersten vier Spiele

 

Um zehn Uhr stand das erste Spiel in der Halle "Pierre Coubertin" auf dem Programm. Daher wurde bereits um halb acht gefrühstückt (ein Gipfeli und ein halbes Baguette); um Viertel nach acht Uhr (mit der üblichen Verspätung) setzte sich der Bus in Bewegung. Gegen neun Uhr erreichten wir Argenteuil, ein Vorort von Paris, wo alle Spiele in insgesamt mehr als 10 Sporthallen ausgetragen wurden. Total nahmen am 30. Normandie-Cup über 150 Teams aller Kategorien teil, bei den B-Junioren waren es 22. Die Halle war nüchtern, aber zweckmässig eingerichtet: zwei Tore, ein Handballfeld, eine Tribüne und sogar eine Anzeigetafel wie in Wohlen. Kurz vor Spielbeginn wurde ich wieder über eine Spielplanänderung informiert, es seien nun doch sechs Teams in unserer Gruppe, entsprechend sei die Spielzeit nur 1x15 Minuten. Die Mannschaft war konzentriert und seriös eingelaufen, so dass wir zuversichtlich ins Turnier stiegen. Der erste Gegner, Bois Colombes aus einem anderen Pariser Vorort, machte auch keinen überragenden Eindruck. Nach gutem Beginn lagen wir immer mit einem bis zwei Toren in Vorsprung, als plötzlich der Match vom Schiritisch aus unterbrochen wurde. Was war nun wieder los? Eine nächste Spielplanänderung, zum Glück die letzte, wurde bekanntgeben: Doch nur eine Fünfer-Gruppe und somit 2x10 Minuten Spielzeit! Wir verteidigten den knappen Vorsprung auch über die längere Spieldauer, weil wir in der Schlussphase mit herausgespielten Aktionen immer wieder ein Tor vorlegen konnten. Von der Angriffsleistung her war das erste Spiel das beste: 11 der 16 Angriffe wurden mit einem Tor abgeschlossen.

Im zweiten Spiel war Vernouillet (F) der Gegner. Im Angriff konnte sich besonders Michi Kunz auszeichnen, der 5 der ersten 6 Tore erzielte. In den zweiten zehn Minuten brach der Gegner ein, ein klarer 11:7-Sieg war die Folge.

Im dritten Spiel trafen wir auf den Gastgeber von COM Argenteuil, der bislang aber einen schwachen Eindruck hinterliess. Wir konnten allerdings selber auch nicht überzeugen und lagen nach einer 7:4-Führung zwei Minuten vor Schluss mit 7:8 im Rückstand. Dank zwei Toren von Michi Kunz in Unterzahl resultierte dennoch ein glücklicher Sieg. Damit waren wir als Gruppensieger für die Hauptrunde qualifiziert.

Im für uns bedeutungslosen letzten Spiel gegen die Deutschen aus Simbach wollte ich trotzdem einen Sieg erreichen, um so die Deutschen aus dem Turnier zu werfen. Die Spieler waren aber nicht mehr bereit, alles zu geben. Lustlos wurde gespielt, niemand wehrte sich gegen die deutliche 5:11-Niederlage, was bei mir relativ grossen Ärger auslöste. Mit einem zünftigen Liniensprint nach Spielschluss gab ich aber den Tarif klar an!

Als Belohnung für den Gruppensieg spendierte ich dann eine Runde "Heineken". Der Samstag Abend war dann zur freien Verfügung der Spieler; gemeinsam mit Christoph genehmigte ich mir ein gediegenes Essen in einem lauschigen Beizchen im Quartier St. Michel.

 

Sonntag ... oder das Unerwartete wird Tatsache!

 

Am Sonntag konnten wir (beziehungsweise alle ausser mir) für einmal ausschlafen, da die Finalspiele erst am Nachmittag begannen. In meinen Bett war ich froh, dass ich nicht zu lange liegen musste. Die Rückenschmerzen wurden nämlich immer stärker. Mit dem Bus (diesmal sogar pünktlich!) ging es am Nachmittag wieder nach Argenteuil, diesmal in die Halle "Jesse Owens". Direkt neben einem Friedhof gelegen, traf uns dann fast der Schlag, als wir das Innere der Halle sahen: Betonboden mit Rissen drin, auf allen vier Seiten knapp ein Meter bis zur Wand, das Spielfeld an den Flügeln kleiner, eine Anzeigetafel mit Handbedienung und natürlich keine Matchuhr. Alles in allem erinnerte mich diese Halle sehr stark an die alte Lenzburger Mehrzweckhalle. Hier sollten also die Finalspiele ausgetragen werden! Auch die Spieler sorgten sich sehr um ihre Gesundheit, verständlicherweise. Aber gespielt werden musste trotzdem. Im ersten Hauptrundenspiel (nun definitiv über 1x15 Minuten) trafen wir wieder auf die Spieler von Bois Colombes, die sich zwar in unserer Gruppe nicht qualifizieren konnten. Ihr zweites Team hatte sich aber in einer anderen Vorrundengruppe qualifiziert; eingesetzt wurden jedoch jene Spieler, die bereits einmal gegen uns angetreten waren. Dank einer hervorragenden Abwehrleistung der Deckung und des Torwarts Sven Gwerder hatten sie wieder keine Chance gegen uns. Das 2:0 nach elf Minuten (!) bedeutete die Vorentscheidung, am Schluss stand es 4:2.

Im zweiten Spiel trafen wir wieder auf ein deutsches Team, nämlich Agon/Unterrath. Dank einer guten Angriffsleistung, speziell von Andy Weisshaupt, der die ersten 5 Tore erzielte, hatten wir keine grossen Probleme, um mit 7:4 zu siegen. Damit war bereits die Halbfinalqualifikation geschafft, allerdings war noch offen, ob als Gruppenerster oder -zweiter.

Im Gegensatz zum Samstag (Linienspurt sei dank) wehrten sich nun die Spieler gegen die sich abzeichnende Niederlage gegen Pontault Combault (F). Es reichte zwar nicht zu einem Punktgewinn, doch mit 7:9 blieb die Niederlage genau im Rahmen: damit waren wir bei gleicher Punktzahl und gleicher Tordifferenz wie Bois Colombes aufgrund des Sieges in der Direktbegegnung Gruppenerster. Nach Turnierreglement hätte zwar vor der Direktbegegnung noch das Torverhältnis (Anzahl Plustore durch Anzahl Minustore) den Ausschlag geben müssen. Weil ich mich trotz meiner spärlichen Französisch-Kenntnisse immer angeregt mit den entscheidenden Leuten vom Schiritisch unterhalten bzw. viel zugehört habe, was sie mir Interessantes zu erzählen hatten, war in diesem Falle das Turnierreglement nicht so wichtig wie der gesunde Menschenverstand. Frankreich lässt grüssen.

Deshalb trafen wir im ersten Halbfinal auf den Gruppenzweiten der anderen Gruppe, den TB Pforzheim. Die Deutschen waren uns körperlich klar überlegen, spielerisch und technisch aber limitiert. In einem ausgeglichenen Spiel konnten wir das 5:5 in die Verlängerung retten, obwohl sich Andy Weisshaupt zwei Minuten vor Schluss für Ballwegwerfen eine äusserst dumme Strafe eingehandelt hatte. Aber auch die fünfminütige Verlängerung brachte keine Entscheidung, beide Teams erzielten je ein Tor. Nun musste aber nicht ein Penaltyschiessen über den Finaleinzug entscheiden, sondern wie im Eishockey der Sudden Death, bei dem das nächste Tor alles entscheidet. Dabei wurde das Spiel mit einem Schiedsrichterball fortgesetzt, den wir uns sichern konnten. Ivo Hartmann konnte sich in der Folge auf Halb rechts durchsetzen und nur noch regelwidrig am erfolgreichen Torwurf gehindert werden; der fällige Penaltypfiff blieb aber aus. Somit hatten die Deutschen die Chance zur Entscheidung. Sie konnten aber unsere Abwehr nicht in Verlegenheit bringen und verschossen klar. Im zweiten Angriff konnte Christoph Meyer eine grosse Lücke in der deutschen Abwehr ausnützen und mittels abgefälschtem Wurf die vielumjubelte Entscheidung herbeiführen. Der Finaleinzug war noch fünfundzwanzig hektischen Minuten geschafft.

Im Final trafen wir zum dritten Mal im Laufe des Turniers auf - Bois Colombes, die sich im anderen Halbfinal gegen einen weiteren Vorrundengegner von uns, nämlich Simbach (D) durchgesetzt hatten. Somit war bereits klar, dass drei Teams aus unserer Vorrundengruppe die Plätze eins bis drei belegen würden. Für mich war klar, dass wir uns auch ein drittes Mal gegen die Franzosen durchsetzen würden - falls es normal läuft und die Schiedsrichter wie bisher nicht allzu einseitig pfeifen würden. Die Schiris meinten es dann aber mit den Franzosen doch ziemlich gut und waren besonders bei der Penaltyvergabe recht einseitig. Nach zehn Minuten stand es 5:3, doch wenig später nach einer Strafe gegen uns 5:6. So stand es noch zu Beginn der Schlussminute, ehe Michi Sigrist ausgleichen konnte. Im letzten Angriff verloren die Franzosen den Ball, was Markus Schmid einen Gegenstoss ermöglichte. Dabei wurde er vom Goalie und einem Feldspieler grob gestoppt, doch ohne Sanktionen seitens der Schiris! Christoph Meyer realisierte die Situation am schnellsten, nahm den freiliegenden Ball auf und warf ihn ins verlassene Tor: die Entscheidung für uns in (nach meiner Uhr: deutlich nach) der Schlusssekunde! Offensichtlich wollten die lieben Herren vom Schiritisch nach zwei Tagen Handball keine Verlängerung mehr. Damit hatten wir gänzlich unerwartet (und mit dem Glück des Tüchtigen) das Turnier in unserer Kategorie gewonnen.

 

Das kurze Fest ... oder Fü setzt sich durch

 

Am abschliessenden Festabend mit Disco wurde dann ausgelassen gefeiert und gefestet und die Pokale (zwei an der Zahl) entgegengenommen. Leider (für die Spieler) und zum Glück (für mich) mussten wir das Fest bereits um elf Uhr verlassen, weil unser Busfahrer sonst eine zulange Präsenzzeit bekommen hätte und nicht mehr fahren durfte. In der Nähe des Hotels wurde noch ein letzter Hamburger verzehrt und das Turnier mit einem Whisky-Cola würdig abgeschlossen. Am Montag verlief die Rückfahrt in die Schweiz sehr ruhig, alle waren doch ziemlich auf dem Hund. Einzig beim Abschied von den Deutschen in Sinzheim kamen nochmals einige Gefühle auf, vor allem aber bei den deutschen Mädels. Nach gut elf Stunden Fahrt erreichten wir heimatlichen Wohler Boden und waren wohlbehalten zurückgekehrt. Damit war auch mein Ziel für dieses Turnier erreicht!