Quelle: Freiämter Kalender, 1952, S. 57-61

 

Von Füglistall und Füglistallern

 

Von P. Alban Stöckli

Die Füglistaller sind ein zahlreiches Geschlecht, das in den Gemeinden Oberwil, Lunkhofen und Jonen heimisch ist. Aber auch in Zürich und Basel und wohl noch in andern Kantonen ist es eingebürgert. Das Geschlecht leitet sich her von einem alten, heute abgegangenen Hof Füglistall bei Lieli im Kelleramt. Der Hof war ein Grenzhof zwischen der früher selbständigen Gemeinde Lieli und der zürcherischen Gemeinde Birmensdorf. Aus einem Aktenstück vom 12. April 1670 ist zu entnehmen, dass der Hof im Twing Birmensdorf lag, die Güter aber in den Kilchhof Oberwil gehörten. Die Stelle, wo der Hof gestanden, liegt rechts an der Strasse nach Birmensdorf, aber etwas abseits im sogenannten "Stiefel". Die Gebäude sind längst gänzlich verschwunden, aber der Ort ist den alten Leuten noch bekannt. Er liegt nicht auf einer Erhöhung, sondern in einer Mulde und ist mit Wald bedeckt.

Die älteste Kunde von diesem Hof bringt uns die Chronik von Muri, jene lateinische Darstellung von der Gründung des Klosters aus der Mitte des 12. Jahrhunderts. Dort lesen wir unter den gemachten Schenkungen: "In Füglistal, das uns Adalbert von Strengelbach gab, fast anderthalb Tagwerk umfassend, das jetzt zu unrecht die Brüder von St. Blasien besitzen" (act. mur. Q. z. Sch. G. III. Bd. S. 77). St. Blasien ist das berühmte Kloster im Schwarzwald, mit dem Muri in Gebetsbrüderschaft stand und von dem es die Kluniazenser Reform übernahm.

Den Namen des Hofes finden wir urkundlich erstmals erwähnt im 13. Jahrhundert in einer Engelberger Urkunde. Am 17. April 1255 vertauschten nämlich Ritter Hugo von Lunkhofen und sein Sohn Ulrich Güter bei "Vüglistal", Stetten und Rossau mit Abt Walter I. von Engelberg gegen andere Güter in Winkel, Oberhausen und Opfikon, alle im Kanton Zürich. Es handelt sich bei diesem Tausch also nicht um den Hof Füglistal, sondern um angrenzende Güter. Aus einem am 31. August 1375 abgeschlossenen Vertrag geht hervor, dass noch damals der Abt von St. Blasien Grundherr des Hofes Füglistall war, der laut der genannten Urkunde in die Vogtei Birmensdorf gehörte, welche den Brüdern Eberhard und Johann Müllner und Ritter Jak. Müllner zustand. Im 15. Jahrhundert nannten sich die Bewohner des Hofes noch nicht Füglistaller, sondern nur Füglistal. Man erkennt dies aus einer Urkunde des Klosters Hermetschwil vom 20. März 1459, wo die Meisterin einen Werna Füglistal von Lieli als Zeugen stellt. Im 15. Jahrhundert bürgern sich die Füglistal auch in der Stadt Zürich ein. Im Bürgerbuch findet sich nämlich der Eintrag: "Berchtold Füglistal von Liela im Fryamt receptus est in civem et juravit (ist zum Bürger angenommen worden und hat geschworen) vor sant Catharinentag (28. Nov.) 1499 gratis des obgenannten Zugs halb." Im Jahr 1670 wird der Hof letztmals genannt und seine kirchliche und gemeindliche Zugehörigkeit festgestellt. Bald nachher muss er abgegangen sein. Die Hofhörigen hatten sich aber schon früh in den Nachbargemeinden sesshaft gemacht, so jener 1459 in der Urkunde von Hermetschwil genannte "Werna Füglistal von Liela, etwa 3 iaren gesässen uf Wältis Furren saeligen Hofstatt in dem Zwing zu Rottenschwil." Im Jahre 1461 finden wir laut Urkundenbuch von Bremgartem auf dem Hof einen Werner Füglistal. Mit seinem Einverständnis gibt Heinrich Sager, Kirchmeier von Bremgarten, einen Teil des Mooses, das zum Hofe gehört, um sechs Haller, "die jeglichem werden sollen, der die Füglistall-güter bebaut", zu Lehen. Auch die Kirche von Bremgarten hatte demnach Lehensgüter des Hofes Füglistall. Nach einem Zinsrodel des Klosters Hermetschwil aus der Zeit von 1488-1491 sass damals auf dem Hof ein Hans Schmid, Bürger von Bremgarten. Dieser "Hans Schmid uff dem hoff Füglistal" ist nämlich Zinser des Klosters von Haus und Scheune zu Bremgarten, die früher dem Hänsli Bürgi gehörten. Die Schmid waren ein zahlreiches Geschlecht in Bremgarten, das ein Haus besass in der Nähe des obern Tores und schon um die Mitte des 14. Jahrhunderts in angesehener Stellung auftritt. Wie lange die Schmid auf dem Hofe sassen, ist nicht bekannt. Im Jahre 1497 wird durch Schultheiss Schodoler ein Wasserstreit entschieden zwischen der Kirchpflege von Oberwil und einem Ueli Füglistal von Lieli, doch handelt es sich bei dem letztern nicht um den Hofbesitzer, sondern um einen der verschiedenen Pächter, die von der Bebauung von Lehensgütern des Hofes den Namen Füglistal trugen, wie jener Werna von Lieli in der Hermetschwiler Urkunde von 1459, der viele Jahre "auf Waltis Furren Hofstatt in Rottenschwil gesessen". So wurden die Füglistal, deren Stammhof bei Lieli war, die Stammväter einer starken Nachkommenschaft, die sich in der Folge Füglistaller nannten und sich im ganzen Kelleramt und auch über die Grenzen des Kantons hinaus verbreiteten. Lieli selber, als dessen Ansässige die ältesten Füglistaller urkunden, kam 1433 durch Verkauf von den Zürcher Bürgern Hans und Berchtold Schwend an das Kloster Muri und im Jahre 1522 mit allen Gerechtigkeiten an die Stadt Bremgarten bis zur französischen Revolution. Von dort an bildete es eine selbständige Gemeinde, bis es im Jahre 1906 mit dem benachbarten Oberwil vereinigt wurde.

Von diesem bürgerlichen Geschlecht der Füglistaller, das dem Lande viele tüchtige Männer und Frauen geschenkt hat, ist bis jetzt nur einer der Ehre teilhaftig geworden, dass sein Name in das historisch-biographische Lexikon der Schweiz Aufnahme fand, nämlich Leonz Füglistaller. Von ihm berichtet es die kurze Notiz, dass er, am 20. April 1768 in Jonen geboren, von 1798-1823 in Luzern Professor der Physik gewesen, 1824 daselbst Chorherr im Hof geworden, 1831 zum Propst erwählt und am 21. März 1840 gestorben sei.

- Von seinem reichen Leben und Wirken erfahren wir weiter nichts, und doch verdient der Genannte den schönsten Zierden und gelehrtesten Männern nicht nur seiner engern Heimat, sondern des ganzen Schweizerlandes beigezählt zu werden. Diesen Mangel hat in jüngster Zeit eine ausführliche Lebensbeschreibung zu verbessern gesucht. Ein junger Germanist, Ed. Studer, hat im Jahre 1952 den unbekannten Gelehrten zum Gegenstand seiner Doktorarbeit gemacht und dadurch die Aufmerksamkeit der gelehrten Welt auf den vergessenen grossen Sohn unserer Heimat gelenkt. Aus Ed. Studers Schrift erfahren wir, dass Leonz Füglistaller in der obern Mühle in Jonen geboren wurde und dass er seine Gymnasialstudien am Jesuitenkolleg in Solothurn absolvierte und dabei den Grund legte für seine gründliche Ausbildung in den klassischen Sprachen Latein und Griechisch. In Dillingen studierte er unter Michael Sailer Philosophie und Theologie und blieb diesem hervorragenden wissenschaftlich und pädagogisch vortrefflichen Lehrer in treuer Freundschaft durch das ganze Leben verbunden. Nach einem kurzen pastorellen Wirken in Wolhusen wurde Füglistaller Professor und Praefekt der neuen Kantonsschule in Luzern, welche die Aufgaben des frühern Gymnasiums und Lyzeums der Jesuiten weiterführte. Sein Lehrfach waren hauptsächlich die klassischen Sprachen. Das hist.-biogr. Lexikon erweckt den Eindruck, als hätte er diese Stellung ununterbrochen bis zum Jahre 1823 innegehabt. Dem ist aber nicht so. Widerliche interne Vorkommnisse bewogen ihn, seinen Dienst an der Schule in Luzern aufzugeben und im Jahre 1810 durch Sailers Vermittlung in St. Gallen an der neu geschaffenen Kantonsschule die Stelle eines Lehrers und Studienpraefekten anzunehmen. Aber auch da war seines Bleibens infolge neidischer Intrigen nicht lange. Doch hatte dieser Aufenthalt in St. Gallen auf seine wissenschaftliche Richtung den grössten Einfluss, weil er ihn als Betreuer der reichen Stiftsbibliothek mit den alten deutschen Handschriften des Frühmittelalters bekannt machte und in ihm eigentlich den Germanisten erweckte. Nach dem fünfjährigen Professorat in St. Gallen finden wir ihn drei Jahre als Kanzler des Generalvikars Göldlin von Tiefenau, der nach Abtrennung der Schweizerischen Kantone von dem alten Bistum Konstanz für dieses Gebiet vom Papste bestellt worden war. Diese Tätigkeit entsprach aber dem lebhaften Geist auf die Dauer nicht. Da sich ihm aber keine höhere Lehrstelle auftat, begnügte er sich, vorerst in Zurzach die Stelle eines zweiten Lehrers an der jungen Bezirksschule anzunehmen. Als Hauptlehrer hatte neben sich seinen ehemaligen Schüler aus Luzern, den nachmaligen berühmten Geschichtsforscher Eutychus Kopp. Begreiflich, dass er diesen, Posten bei der ersten Gelegenheit aufgab und einer Berufung Kasimir Pfyffers folgte, um zum zweitenmal eine Professur an dem Lyzeum in Luzern anzunehmen. Als Fach wurde ihm diesmal die Physik zugewiesen, die er schon in St. Gallen gelehrt, und für die er von 1810-1811 extra ein Jahr in Paris und Göttingen studiert hatte. Er widmete sich aber diesem Fache nur, bis eine jüngere Lehrkraft die Studien abgeschlossen hatte, um ihn zu ersetzen. Im Jahre 1824 wurde ihm als verdienter Lohn seiner langen Lehrtätigkeit eine Chorherrenpfründe am Hof zuteil, und im Jahre 1831 wurde er, als erster Nicht-Luzerner zum Propst des altehrwürdigen St. Leodegarstifts gewählt. Befreit von dem Joch der Schule, konnte er sich nun seinem Lieblingsstudium, der Erforschung der altdeutschen Literatur, widmen. Mit grossen Gelehrten stand er im schriftlichen Verkehr und verschiedene ausgearbeitete Werke harrten ihrer Veröffentlichung. Aber in dieser Hinsicht verfolgte ihn ein eigentlicher Unstern. Andere, denen er bereitwillig von seinen Ergebnissen mitgeteilt hatte, kamen ihm zuvor, so der grosse Meister der deutschen Sprachgeschichte und Grammatik, Jakob Grimm, während seine eigenen Arbeiten unveröffentlicht blieben und noch als Handschriften in Aarau liegen. Bekannter als durch seine germanistischen Studien, die ohne Zweifel sein grösstes wissenschaftliches Verdienst bilden, und ihm, - wenn auch erst nach hundert Jahren - den Namen des ersten schweizerischen Germanisten eintrugen, wurde L. Füglistaller durch die Übersetzung einiger Schillerschen Gedichte, so der "Ode an die Freude" und der "Glocke", die er in vollendete lateinische Verse umgoss. Sein Grab fand der grosse Kellerämter in der Friedhofkapelle im Hof in Luzern. Seine Freunde schrieben ihm als Grabschrift seine lateinischen Verse aus Schillers Glocke:

Nos semen damus carius

Lugentes terrae fotibus,

Sperantes fore, ut ex morte

Cum meliore surgat sorte.

Noch köstlichern Samen bergen wir trauernd in der Erde Schoss

Und hoffen, dass er aus den Särgen erblühen soll zu schönrem Los.

Es würde unserer Arbeit etwas wichtiges fehlen, wenn wir nach der Vorstellung dieses bedeutenden Vertreters der bürgerlichen Füglistaller nicht auch einen Blick werfen würden auf die ritterliche Linie dieses Geschlechtes. Das historisch-biographische Lexikon der Schweiz kennt nämlich auch ein Edelgeschlecht von Füglistal, sagte aber von ihm, dass es sich nach dem gleichnamigen Ort bei Biel (französisch Vauffelin) benannte und vielleicht ein Zweig des Zürcher Geschlechtes Vögelisthal war. Wappen in Rot ein silberner Sperber. Bekannt ist einzig Johann, Meier von Büderich (französich Pery) 1341. Eine Anfrage in Zürich nach dem Geschlecht "Vögelisthal" erhielt zur Antwort, ein solches Geschlecht sei dort unbekannt, nur die Form Füglistal komme in den Steuerbüchern wiederholt vor und einmal auch im Bürgerbuch. Dieser Edle Johann v. Füglistal ist in einer Urkunde vom 17. II. 1341 als Güterbesitzer in Reconvilier und Saules genannt. Im folgenden Jahr verkauft seine hinterlassene Witwe am 16.V. 1342 Güter in Saules und Saicourt, die sie als Erblehen von Propst und Kapitel Münster-Granfelden besitzt. Propst war damals Graf Walter von Neuenburg-Aarberg (gest. 31. Oktober 1349). Die Angabe des hist.-biogr. Lexikons, dieser Ritter Jobann v. Füglistal benenne sich nach dem deutschen Namen des Ortes Vauffelin ist eine blosse Annahme, denn Vauffelin kennt keine Burg und keinen Adel. Das einmalige Vorkommen dieses Ritters als einzigen Vertreter seines Geschlechtes muss daher aus Zuwanderung, und sein Besitz aus der Heirat mit einer adeligen Tochter dieser Gegend erschlossen werden. Nach seinem Tod erscheint daher seine Frau als Inhaberin der Erblehen des Propstes von Münster-Granfelden. Da sich der Edle Johann in der Urkunde von Füglistal nennt, und nicht Füglisthal und kein anderer Ort dieses Namens für einen Burgstall und ritterlichen Ministerialen die Voraussetzungen bietet als der Hof Füglistal bei Lieli, so wird man ihn von dort herleiten müssen. Das um so mehr als der Name Füglistal mit Vauffelin, dem französischen Namen des Ortes ethymologisch gar nichts zu tun hat, auch nicht mit Zuhilfenahme der lateinischen Fehlübersetzung von vallis volucrum = Vögelisthal.

Man könnte vielleicht einwenden, der Hof Füglistal bei Lieli liege von Vauffelin zu weit ab, um einen Vertreter des Hofes bei Lieli dort zu suchen. Dabei vergisst man zu leicht, dass auch im Mittelalter persönliche und geschäftliche Beziehungen solche Entfernungen leicht überbrücken konnten. Für unsern Fall sind solche Beziehungen besonders gut erkennbar. Vauffelin gehörte nämlich bis 1798 zur Pfarrei Ilfingen oder Orvin. Nun kaufte das Kloster Engelberg, das bei Füglistal und Litzibuch und am ganzen Hasenberg viele Besitzungen hatte, in Ilfingen Weinberge und Wald von Ritter Ulrich I. von Ilfingen (Vlfingen). (Gfv. 51, 54.) Ein Grosssohn dieses Ritters Ulrich, Burkart von Ilfingen, war von 1322-1326 Propst im Frauenkloster Fahr an der Limmat, und ebendort nahmen die beiden letzten Sprossen des Geschlechtes, Katharina und Agnes, die Töchter seines Neffen Johann (HBLS) den Schleier. Da ist es ganz selbstverständlich, dass der Propst von Fahr mit dem Besitzer des nahen Hofes Füglistal in persönlicher Beziehung stand, und dass durch seine Vermittlung ein Hofjunker den Weg nach Pery oder Büderich fand und dort das Meieramt erhielt und durch die Hand seiner Gattin Erblehen des Klosters Münster-Granfelden. Wie enge Beziehungen zwischen dem Kloster Engelberg und seinen Besitzungen am Bielersee obwalteten, erkennt man daraus, dass heute noch eine Gruppe von drei Häusern zwischen Tüscherz und Twann den Namen Engelberg trägt. Sie findet sich nordöstlich von Wingreis, wo von 1235-1433 die Weinberge des Klosters lagen.

Damit ist der Hof Füglistall bei Lieli als ursprünglicher Sitz eines ritterlichen Geschlechtes nachgewiesen. Denn dieser edle "Johann von Füglistal" lässt sich nach der urkundlichen Form des Namens und nach den geschichtlichen und örtlichen Umständen nirgends anderswo einweisen als auf dem Hof Füglistall bei Lieli. Sollte es aber jemand befremdlich finden, dass von diesem Hof, der doch schon im 13. Jahrhundert urkundlich genannt wird, nur ein ritterlicher Vertreter bekannt ist, so ist darauf hinzuweisen, dass das Wappen dieses Ritters Johann von Füglistall uns in Stand setzt, noch einen frühern ritterlichen Vertreter dieses Geschlechtes ausfindig zu machen, und zwar keinen geringern als den berühmten mittelalterlichen Minnesänger Walther, genannt von der Vogelweide. Dass "von der Vogelweide" ein Pseudonym oder Deckname für den Sänger Walther bedeutet, ist heute nicht mehr abzuweisen, und dass der Grund für dieses Pseudonym seine wirkliche Herkunft von Füglistall ist, beweist sein Schild in der Manessischen Handschrift, der in der Farbe des Feldes und im Figürlichen mit dem Wappen des Ritters von Füglistall übereinstimmt. Dieses zeigt nämlich im roten Feld einen silbernen Sperber. Man könnte dagegen einwenden, die Übereinstimmung sei nicht vollständig, denn der Schild des Minnesängers zeige wohl das rote Feld, aber nicht den silbernen Sperber, sondern einen grünen Vogel im Vogelstall oder Vogelkäfig. Diese Abweichung bedeutet aber in unserem Falle nicht einen Mangel an Übereinstimmung, sondern ein Mehr, sie bedeutet nämlich die notwendige Korrektur, um den Leser von der irrtümlichen Bezeichnung "von der Vogelweide" auf die wirkliche Herkunft von Füglistall hinzuweisen. Denn diese Herkunft von Füglistall konnte nicht besser ausgedrückt werden, als durch einen Vogel im Vogelstall oder Vogelschlag. Dass man dafür nicht einen Sperber, sondern einen Stubenvogel wählte, ist leicht begreiflich und ebenso, dass man seine Farbe mit den goldenen Gitterstäben des Käfigs in harmonischen Einklang brachte. Wenn in irgend einem Fall die unwesentliche Änderung des Wappens begründet war, so ist es hier, um es zu einem Sprechenden zu machen und gerade durch die Änderung dem Träger des Decknamens die richtige Herkunftsbezeichnung wenigstens im Wappenbild zurückzugeben.

Um eine solche Berichtigung vollziehen zu können, musste der Schreiber und Buchmaler mit der Herkunft Walthers vollkommen vertraut sein. Wenn man daher schon bis anhin den Schreiber der Manessischen Handschrift in der Nähe von Zürich vermutet hat, so ist die Heimführung Walthers auf den Hof Füglistall berufen, diese Nähe von Zürich noch enger auf Bremgarten zu bezirken.

Noch bleibt ein Punkt zu belichten. Man könnte fragen: Warum sollen die Füglistaller heute als Abkömmlinge eines adeligen Geschlechtes erklärt werden, wenn sie selber davon bis jetzt nichts gewusst haben? Muss ihnen dieser adelige Ahnherr nicht wie ein Märchen vorkommen? Darauf ist zu antworten: Wenn sie davon bis jetzt nichts gewusst haben, so ist das begreiflich, denn der letzte Füglistall, der als Ritter beurkundet ist, ist schon 1341 gestorben, und zwar fern seiner Heimat. Da konnte die adelige Abstammung leicht in Vergessenheit geraten. Das war um so eher möglich, als keine Burg den Namen des Ahnherrn festhielt, sondern nur ein Hof, der nicht notwendig einen ritterlichen Lehensmann haben musste und der inzwischen auch ganz abgegangen ist. Hätten ritterliche Ahnen der Füglistaller eine Burg bewohnt, und wäre von dieser auch nur noch ein Mauerrest oder der Platz bekannt, so wäre die ritterliche Abstammung leichter im Gedächtnis geblieben. Doch würde man sich täuschen, wenn man glaubte, die ritterliche Abstammung sei ganz und gar in Vergessenheit geraten, wir haben vielmehr ein solides Zeugnis, dass die Erinnerung daran sogar bis ins 19. Jahrhundert lebendig geblieben ist. Dieses Zeugnis findet sich in einem Brief des früher angeführten Leonz Füglistaller, Probst von St. Leodegar. L. Füglistaller schreibt nämlich am 11. Januar 1814 an seinen Freund Lottenbach aus seiner bedrängten Lage: "In der letzten Not setze ich mich auf meinen angestammten Burgstall zu Jonen und vertreibe mir die Zeit mit Fliegentotschlagen. Es ist immer etwas, die Welt vom Geschmeiss zu reinigen." Wenn diese Worte auch nicht ohne Selbstironie sind, so ist doch als Tatsache darin festzuhalten, dass dem Schreiber in seiner Heimatgemeinde Jonen ein Burgstall bekannt ist, den er als Stammsitz der Joner Füglistaller anspricht. Nun sagt zwar W. Merz in seinem Burgenbuch des Aargaus, Jonen habe weder eine Burg noch ein Edelgeschlecht aufzuweisen. Die neuere Forschung ist aber in so manchen Dingen über Merz hinausgewachsen, dass sein negatives Zeugnis nicht ohne weiteres verbindlich ist. Wir glauben aus gewissen Gründen der Angabe L. Füglistallers ihren Wert belassen zu müssen. Ohne uns vorläufig über diesen Burgstall in Jonen weiter zu äussern, genügt uns die Feststellung, dass man im Anfang des 19. Jahrhunderts dort einen solchen kannte und ihn als Stammsitz der Füglistaller betrachtete. Vermutlich dachte Propst Füglistaller, bei der Erwähnung seines ritterlichen Ahnensitzes in Jonen an die Ruinen auf dem Eichbüel, die ganz nahe der Joner Grenze, aber doch schon auf dem Gebiet der Gemeinde Oberlunkhofen liegen.

Quellen: Ed. Studer: Leonz Füglistaller, Paulusverlag Freiburg 1951; Chronik von Muri; Urkunden Bremgarten; Urkunden Hermetschwil HBLS; A. Stöckli: Walther von der Vogelweide, ein Schweizer, Hess, Basel 1953.